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Angezogen fürs Büro: Ohne Dresscode ist es auch nicht leicht.

Veröffentlicht am 24. Januar 2020

Man könnte denken, der Dresscode sei ausgestorben: In Prenzlauer Berg erscheint man in ledernen Flipflops beim Meeting, Mark Zuckerberg trägt Sneaker und Kapuzenpulli. Selbst bei der Hamburger Sparkasse hat man schon vor drei Jahren den „Haspa Business Casual“-Stil eingeführt – und damit den üblichen hochformellen Dresscode der Banker deutlich gelockert. Alles also ganz easy?

Die Kleiderordnung in den Büros ist längst nicht mehr so starr wie noch vor 20 Jahren: Wir sind flexibler, individueller, toleranter geworden. Selbst in konservativen Branchen geht unter dem Sakko auch mal ein T-Shirt, statt hautfarbener Nylons darf es im Sommer sogar ein bisschen zart gebräunte Haut sein. Kreativität beim eigenen Look ist nicht mehr verpönt, sondern – in Maßen und in unternehmensinternen Grenzen – durchaus erwünscht. Trotzdem ist nicht alles erlaubt: Die Regeln haben sich nicht erledigt, sondern einfach geändert, von der starren Vorschrift hin zum lockeren Korsett der Selbstinszenierung.

Dresscodes – ein Auslaufmodell?

Auch jenseits von Berufsbekleidung in Handwerksbranchen oder Uniformen wie bei der Polizei haben Kleidervorschriften durchaus ihren Sinn: Sie demonstrieren Zugehörigkeit und Loyalität zum Unternehmen, bieten Orientierung und Sicherheit für den Einzelnen. Dresscodes engen nicht nur ein, sondern helfen auch zu zeigen, wo man hingehört und welche Regelungen man für sich akzeptiert hat. In Branchen mit Kundenverkehr gilt es zudem, das auch nach außen zu zeigen: Nicht umsonst haben zum Beispiel viele Sparkassen – trotz des Vorstoßes der Hamburger – erst 2018 erklärt, an der Krawatte festzuhalten.

Dem gegenüber steht schon lange das Ideal der freien Entfaltung, auf die Spitze getrieben von der Generation Instagram: Kleidung als hochkreativer Ausdruck der Persönlichkeit – man will man selbst sein, sich abgrenzen und sich gleichzeitig als Vertreter einer individuellen Stilrichtung zu erkennen geben. In der Kreativbranche hat man es da leichter als im klassischen Büro, zumindest ist das allgemeiner Konsens. Schließlich gilt die Branche als locker und vielfältig. Was aber, wenn das die Sache nur noch komplizierter macht? Und was, wenn die auf Individualität getrimmten Kreativen zuweilen mehr mit ihrer modischen Selbstverwirklichung beschäftigt sind als mit dem kreativen Output im Job?

Kein Dresscode ist auch ein Dresscode.

Auch in der IT-Branche – Apple sei Dank – hat man heute auf den ersten Blick jede Menge kreativen Spielraum bei der Kleiderwahl. Zerrissene Jeans, Jogginghosen-Style und Statement-Shirts gelten ebenso als Ausdruck der von Heidi Klum gern gefeierten „Personality“ wie Tattoos oder eine Haarpracht in vielen fröhlichen Farben.

Man zeigt sich offen in den Start-ups und Werbeagenturen des Landes, und man ist stolz drauf: Alle sollen sehen, dass man in einem modernen, jungen, richtig hippen Unternehmen arbeitet. Im „Unternehmerhandbuch“ heißt es heute: „Der Trend geht zum individuellen Stil. Besonders sichtbar lebt man das in den heutigen Start-ups vor. Hier ist Kleidung längst ein Mittel zur Selbstdarstellung und -verwirklichung, weshalb man hier (fast immer) tragen kann, was gefällt.“ (1) Genau das aber macht es vielen der hochambitionierten Mitarbeiter nicht leichter: Wo die Kleidung nicht mehr Anziehsache ist, sondern Ansichtssache, wo sich alle Individualität und Lebensanschauung in unserem Outfit widerspiegeln soll, wächst der Druck auf den einzelnen. Und so manche ziehen längst einen Business-Coach hinzu, der ihnen hilft, im Job einfach zu tragen, was gefällt – ganz locker, ganz unkompliziert.

Fashion-Week im Job: Business, Business Casual oder Smart Casual?

Ob wir nun in der Versicherungs- oder in der Kreativbranche arbeiten: Die freie Kleidungswahl setzt voraus, dass wir gut einschätzen können, was gerade angesagt ist, wo die Grenzen des eigenen Geschmacks und die des Unternehmens verlaufen. Orientierung ist gefragt! Neue Mode-Knigges helfen uns beim Zurechfinden: Sie stellen den starren, aber relativ einfachen Anzug-und-Kostüm-Regeln der Vergangenheit neue Dos-and-Don’ts entgegen, die häufig noch komplizierter klingen. So heißt es zum Beispiel im Wirtschaftsmagazin „Capital“: „Bei Smart Casual und Casual Friday wird es lässiger, erlaubt ist aber noch lange nicht alles. Die Regeln sollte man kennen. Das bedeutet aber noch lange nicht, dass man sie immer befolgen muss.“ (2) Einfach klingt anders!

Gut, dass uns die neuen Kleidungsregeln online decodiert und erklärt werden. Oder wissen Sie genau, was „Smart Casual“ von „Semi-formal“ unterscheidet? Und dass die Sockenfrage für Männer eine geradezu politische Dimension annehmen kann? Für Frauen scheint es besonders kompliziert, wie das „Unternehmerhandbuch“ erläutert: „Dezente Muster sind erlaubt. Wichtig ist, darauf zu achten, wie viel Sexappeal man ausdrückt. Selbst in der lockeren Kreativbranche ist es wichtig, dass man nicht zu aufreizend erscheint.“ Offenbar eine schwierige Gratwanderung.

Kleider machen Leute. Und die dann Karriere.

Wer im Job dabei sein, sich positiv abheben und gleichzeitig auf keinen Fall unnötig auffallen will, muss den inoffiziellen Dresscode der Firma knacken – und das am besten schon in der ersten Woche. Karriere-Ratgeber und Magazine raten einstimmig, herauszufinden, was in der Firma angesagt ist, am besten ganz unauffällig. Was trägt der Chef? Wie erscheinen die Kollegen im Büro? Im Zweifelsfalle, da ist man sich einig, hat der Look von oben Vorrang. Sich auch optisch an der Führungsebene zu orientieren, hilft offenbar auch den eigenen Karriereplänen auf die Sprünge. Als alte Faustregel rät uns die „Karrierebibel“: „Sie selbst liegen nie falsch, wenn Sie etwas besser angezogen sind, als es von Ihnen erwartet wird – Kleidungsstücke ablegen geht schließlich immer.“ (3)

Echte No-gos gehen wohl doch nicht.

So ganz easy ist es also nicht, sich trotz zeitgemäß lockerer Kleidervorschriften „richtig“ anzuziehen und dabei weder den eigenen Aufstieg noch die eigene Persönlichkeit zu vernachlässigen. Stolperfallen lauern überall, bei Hawaiihemden zum Beispiel und bei tiefen Ausschnitten, bei Hotpants und schrillen Farben, bei zu kurzen oder zu bunten Socken. Mal muss ich Angst haben, im Kostüm zu konservativ zu wirken, mal muss ich fürchten, mit meinem Lieblingsshirt als modeferner Außenseiter dazustehen.

Es ist nicht leichter geworden, aber immerhin bunter. Und manchmal beneidet man heimlich all diejenigen, die sich mit diesen Fragen – zumindest im Job – gar nicht erst beschäftigen müssen: Krankenschwestern, Polizisten, Flugbegleiter … Das spart eine Menge Zeit und Nerven.

Quellen:
(1) https://das-unternehmerhandbuch.de/buerokleidung/
(2) https://www.capital.de/karriere/mode-knigge-2019-dos-and-donts-im-buero
(3) https://karrierebibel.de/dresscodes/

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