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Das Gehalt? Es ist kompliziert …

Veröffentlicht am 19. Juli 2019

„Sag mal, was verdienst du eigentlich?“ – „Öh, ach, naja. Ganz okay. Jetzt muss ich aber auch los …“ Und weg war er. Oder sie. Sicher lässt sich in Sachen Gehaltstransparenz nicht ganz Deutschland über einen Kamm scheren – aber Klarheit sieht doch anders aus. Woran liegt das? Wem nützt es vielleicht sogar? Und wie soll man selbst herausfinden, wo man steht (stehen könnte, stehen sollte!), wenn über Zahlen und Fakten ganz groß geschwiegen wird?

Transparenz beim Geldverdienen herrscht im öffentlichen Dienst und unter tariflich Beschäftigten allgemein. Außerhalb dieser abgesicherten Welt stochert im Nebel, wer das komische Gefühl hat, der Kollege mit vergleichbarer Tätigkeit würde viel besser bezahlt … Und wie soll man mit wenig Berufserfahrung eine Gehaltsvorstellung angeben, ohne zu wissen, ob man sich unter Wert verkauft – oder gleich für immer aus dem Rennen nimmt?

Mitspielen beim Gehaltspoker.

Soll man sich selbst mittels Gehaltsvorstellung ein Preisschild aufkleben, steckt man in einer Gleichung mit lauter Unbekannten – und das Gegenüber lässt sich meist nicht in die Karten gucken. Was wäre das Unternehmen bereit, für die eigene Arbeit zu zahlen? Schlägt Preis Qualität? Zeigt eine niedrige Forderung zu wenig Selbstvertrauen? Will man da überhaupt Selbstvertrauen? Und wieso frag ich mich das jetzt?

Kein Wunder, dass z. B. in einer Online-Studie der Jobsuchmaschine Adzuna 74 % der Befragten finden, dass Stellenanzeigen Angaben zur Vergütung enthalten sollten: Das würde nicht nur Bewerbern eine Einschätzung erleichtern, auch suchende Unternehmen könnten so verhindern, jemanden in mehreren Runden auf Herz und Nieren zu prüfen – nur um dann festzustellen, dass die Vorstellungen nicht zusammenpassen.

Wieso also geben trotz auf der Hand liegender Vorteile Arbeitgeber ungern Gehaltsinfos preis? Warum steht in vielen Arbeitsverträgen noch immer, dass man mit Kollegen nicht über Geld sprechen darf, obwohl das Arbeitsrecht eine solche Klausel gar nicht hergibt?

Transparenz: Fehlanzeige?

In einem interessanten journalistischen Selbstversuch wollte Bernd Kramer diesen Fragen auf den Grund gehen (1). Er gab vor, Bauingenieur zu sein und einen Job zu suchen. Stellenausschreibungen für seinen angeblichen Beruf versprachen vage-wabernd „attraktive Bezahlung“ und „leistungsgerechte Vergütung“ oder irgendwie Fairness. Beim telefonischen Anfragen nach der konkreten Bezahlung wanden sich die meisten Ansprechpartner dann hin und her (meistens aber raus). Zum Beispiel mit der klaren Ansage „Wer viele Probleme löst, bekommt viel Geld. Wer wenige Probleme löst, bekommt wenig Geld“. Dann ist ja alles klar!

Klare Sache: Da muss doch ein Gesetz her! Oder?

Im europäischen Vergleich steht Deutschland nicht unbedingt an der Spitze, was Gehaltstransparenz und gleiche Bezahlung für gleiche Tätigkeiten angeht. In Großbritannien, Frankreich und Irland zum Beispiel werden in Stellenanzeigen Gehaltsspannen ganz selbstverständlich genannt, und in Österreich sind Unternehmen seit 2011 gesetzlich verpflichtet, Gehaltsangaben zu machen. Tun sie es nicht, droht ein Bußgeld.

Und bei uns? Gibt es seit 2018 das Entgelttransparenzgesetz. Endlich alles ganz klar und einfach – oder auch nicht: Die Pflicht, in Stellenausschreibungen ein Mindestentgelt anzugeben, ist aus dem Entwurf jedenfalls direkt wieder gestrichen worden. Und bei der Fülle an Voraussetzungen und vorgeschriebenen Prozess- und Beweisschritten könnte man es gut auch „Entgelttransparenz-bitte-nicht-hier-und-passt-gerade-nicht-Gesetz“ nennen.

So lässt sich zum Beispiel ein Auskunftsantrag über die Bezahlung der Kollegen mit gleicher Tätigkeit nur in Unternehmen mit mehr als 200 Beschäftigten stellen. In Firmen dieser Größe arbeiten ca. 14 Millionen Menschen – Pech für die anderen 26 Millionen in kleineren Betrieben.

Zusätzlich muss es mindestens 6 weitere Kollegen zum Vergleichen geben. Wenn das klappt, gibt es aber keine Information über reale Verdienste, sondern es wird ein Mittelwert berechnet … Viel Spaß beim Beantragen – und dem guten Gefühl, das Sie dabei in der Firma haben werden!

Augenhöhe auf dem Arbeitsmarkt scheint eine schwierige Sache. Hoffen Unternehmen schlicht darauf, dass jede Menge Germanys Next Superkollegen, die selbstverständlich den eigenen Wert nicht kennen, zu ihnen finden? Das mag sein. Aber es geht auch anders.

Zeit, die Gehaltsfrage zu entzaubern.

Eigentlich ist es doch ganz simpel: Wer einen Beruf ausübt oder eine Stelle sucht, muss in erster Linie seinen Lebensunterhalt sichern und will ohne geballte Faust in der Tasche einfach einen guten Job machen. Sich fair behandelt zu fühlen hilft dabei nicht nur dem einzelnen, sondern auch der ganzen Firma. Beklemmendes Schweigen beim Thema Bezahlung dagegen schafft Misstrauen, Unsicherheit und sorgt im schlimmsten Fall für Demotivation bis hin zur inneren Kündigung. Also: müssen wir reden!

Hier wird schon offen geredet: Das Beispiel „Elbdudler“.

Als gutes Vorbild für neue Transparenz ging die Digitalagentur Elbdudler durch die Presse: Gehälter werden nicht ausgemauschelt, sondern gemeinsam bestimmt, bei voller Transparenz von allem für alle. Und der Laden läuft noch immer.

Liebe Eltern: Bitte vormachen!

Wer ins Berufsleben startet, steht selten schon lange finanziell auf eigenen Beinen. Und selbst zuhause wird oft nicht klar über das gesprochen, was so reinkommt. Aber wo, wenn nicht in der Familie, wird fürs Leben gelernt? Eltern, Verwandte und das berufstätige Umfeld sollten den Anfang machen – und mit angehenden Azubis und Studis offen über realistische Verdienstmöglichkeiten diskutieren.

Überraschung: Geiz ist nicht geil.

Schweigekulturen, Maulkörbe und unternehmerischer Geiz um jeden Preis mögen für Einzelne von Vorteil sein. Zukunftsfähig ist das jedoch nicht. Wer Mitarbeiter will, die mit- und weiterdenken und sich dauerhaft loyal fürs Unternehmen einsetzen, muss also auch etwas investieren. Und kann dann auch gern dazu stehen.

(1) https://www.zeit.de/karriere/bewerbung/2016-05/gehaltsangaben-stellenanzeigen-transparenz  

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