Johannes Albers für seine Kunstausstellung „Lieder des Nichts“ in der Michael Fuchs Galerie, Berlin

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Interview | „Im Kugelschreiber klingt die Moderne an.“

Veröffentlicht am 25. Januar 2019

Vom 25. Januar bis zum 16. Februar 2019 zeigt die Michael Fuchs Galerie in Berlin mit ihrer Ausstellung „Lieder des Nichts“ Bilder und Objekte des Künstlers Johannes Albers. Besonderer Hingucker für uns von Schneider sind die Kugelschreiber: übergroße dreidimensionale Exponate als Teil einer Ausstellung, die inspiriert, überrascht und Fragen aufwirft. Mit seinen Antworten hat uns Johannes Albers zum Nachdenken gebracht – über Kugelschreiber, Loser-Geschichten und unseren unaufgeregten und trotzdem wunderbaren Alltag.

Mit Ihren überdimensionalen Objekten schaffen Sie eine Verbindung zwischen Kunst und Kugelschreiber. Was hat Sie daran interessiert?

So genau kann ich das gar nicht sagen, weil man als Künstler meistens nicht in bekanntes Territorium vorstößt, sondern eher in die Gebiete, die im Dunkeln liegen. Das Unbekannte und Ungedachte ist für Künstler interessant. Aber im vorliegenden Fall kann ich sagen, dass ich mich immer wieder mit dem Menetekel-Thema auseinandersetze. Ein Gott schreibt eine Botschaft. Das hört sich heute irrsinnig an und trotzdem berührt es mich. Dem wollte ich nachgehen und dieses Thema in unsere Zeit übersetzen.

Johannes Albers - Lieder des Nichts

Warum nicht Füllfederhalter oder Bleistift?

Im Kugelschreiber klingt die Moderne an. Füllfederhalter und Bleistift sind bedeutend älter und haben dadurch auch andere Assoziationen. Ich finde zudem die „Kugel“ in der Spitze der Mine etwas geheimnisvoller und interessanter als beim Bleistift oder Füller. Die Kugel ist beim Kugelschreiber genau das Scharnier zwischen der inneren Welt der Vorstellung und der äußeren Welt der Materie und der Schrift. Nun ist unsere Welt auch eine Kugel – und das ist ein schönes, inniges Bild, wie ich finde.

Sie haben einmal gesagt: „(…) when you are an artist (…) you fall in love with the world, basically. Why else would you want to make images of the world?“*
Lieben Sie das Alltägliche, das der Kugelschreiber für uns repräsentiert?

Das ist schon komisch, dass die äußere Welt heute unendlichfach abgebildet wird und auch unendlich gespeichert werden kann. Warum machen wir das? Wenn uns die Welt gleichgültig wäre, hätten wir überhaupt keine Veranlassung dazu.
Der Alltag ist vielleicht jetzt nicht der große Knaller, wo wir uns als Menschen über die Größe unseres Schicksals bewusst werden. Aber er bietet uns eine Landschaft, in der wir uns auskennen. Der Alltag ist ein steter, unaufgeregter und unvorhersehbarer Quell von Dingen, über die man sich wirklich nur wundern kann. Und dieses Wundern ist immer der Ausgangspunkt von Philosophie und Kunst.

Johannes Albers - Lieder des Nichts

Mit Ihrer Kunst machen Sie das Kleine groß: Winzige Details von Briefmarke, Geldschein und Kugelschreiber rücken plötzlich in den Fokus. Wollen Sie uns dazu bringen, genauer hinzusehen?

Das passiert ganz automatisch. Ein Modell oder eine Vergrößerung dienen in der Wissenschaft dazu, Dinge aus einer anderen Perspektive zu sehen, um sie verständlicher zu machen. Im Umkehrschluss bedeutet das, dass man noch nicht alles über einen Gegenstand oder Sachverhalt weiß. Wenn ein normaler Gegenstand so in den Fokus gerät, deutet das auf eine grundsätzlichere Fragestellung hin. Das ist die Frage nach dem Grund, die mich da anspricht.

Sie erklären wenig, Ihre Kunst steht für sich. Was sagen Sie Menschen, die Sie um eine Interpretation Ihrer Werke bitten?

Ich würde versuchen klarzustellen, dass das mein Denkweg ist und ich auf dies oder jenes gestoßen bin, was meine Aufmerksamkeit erregt hat. Ich habe als Künstler die Möglichkeit, das meinen Mitmenschen zuzurufen. Mehr nicht.
Ich glaube nicht, dass es eine absolute Realität gibt, die hinter allen Dingen steckt. Ich glaube daher nicht an ein wirkliches Entlarven und Enthüllen von Welt. Und gehe eher von einer unergründlichen Mannigfaltigkeit aus, hinter der keine Wesenheiten zu finden sind. Wo man sich aber besser oder schlechter auskennen kann.

Johannes Albers - Lieder des Nichts

Was möchten Sie auslösen? Was wünschen Sie sich vom Betrachter, wenn Sie sich eine Reaktion wünschen könnten?

Ich möchte mir keine Reaktion wünschen, da es sich in der Kunst gerade um die Unvorhersehbarkeit, die Überraschung dreht.

In einem Interview sagten Sie 2013 „To celebrate life, you cannot really want to be a winner.“ Das klingt fast ein bisschen revolutionär – wenn man bedenkt, dass unsere Gesellschaft sich gewissermaßen dem Erfolg verschrieben hat. Erklären Sie uns das?

Wenn wir wieder die Größenverhältnisse bemühen und extrem aus unseren jeweiligen Leben herauszoomen, sehen wir, dass wir in der Sekunde, in der wir anfangen zu existieren, immer auch sterben: Ich sterbe, also bin ich. Und da wir alle unser Leben verlieren, sitzen wir auch alle miteinander mit unserer Blues-Mundharmonika um das metaphysische Lagerfeuer herum und erzählen uns unsere Loser-Geschichten, und das ist wunderbar. Heute möchte natürlich keiner ein Verlierer sein. Und wenn ich einer Einzelperson anvertrauen würde, dass ich glaube, ich sei ein Verlierer, wäre das nur peinlich. Kunst kann das aber überwinden und verwandeln. Wenn ich auf einer Bühne stehe und sage: „Ich bin ein Verlierer“, haben alle ihre Feuerzeuge in der Hand.

Johannes Albers - Lieder des Nichts

Wie spiegelt sich das in Ihrer Kunst wider?

Das passiert einfach so. Das ist keine Rechnung. Sondern man gibt dem Leben selbst eine freie Bahn für seine Strömung.

Sehen Sie sich als Gewinner?

Gewinnen und Verlieren sind natürlich zwei Seiten einer Medaille. Die Erfahrung von Menschen, zu gewinnen, nimmt in unserer Gesellschaft eher ab, daher können immer weniger Menschen etwas damit anfangen. Ich interessiere mich überhaupt nicht für Gewinner-Geschichten. Die sind oft manipulativ und sollen Macht demonstrieren. Ein sich befreiendes Individuum zum Beispiel ist heute öder Kitsch.
Beim Lotto zum Beispiel kommen ca. 1% mit einer Gewinner-Geschichte und 99% mit einer Verlierer-Geschichte raus. Berichtet wird immer über die Gewinner, aber die eigentliche Geschichte des Lottos handelt vom Verlieren.

Mit Ihrem „Club Vernissage“ in den späten 1990ern versuchten Sie nach eigener Aussage eine Art „Anti-Marketing-Strategie“ zu entwickeln. Ist die Vermarktung von Kunst nicht Teil jeder Ausstellung? Anders gefragt: Haben Sie Ihren Frieden mit dem Marketing gemacht?

Das kommt drauf an, wie Sie das Wort „Vermarktung“ verstehen. Wenn Sie darunter die
bloße Öffentlichkeit des Marktes und die Strategie der Veröffentlichung verstehen, könnte man sagen, dass jede Ausstellung vermarktet werden sollte.
Wenn aber die totale Verzweckung unter eine Markt-Logik gemeint ist, hoffe ich doch sehr, dass da jemand vorher eine Art Arche Noah gebastelt hat. Die Kräfte des Marktes lassen sich aus meiner Erfahrung nicht in Nutztierkäfige einsperren.

Johannes Albers - Lieder des Nichts

Wenn Sie mal schätzen müssten: Wie viele Kugelschreiber besitzen Sie selbst?

Circa 100.

Und noch ein paar ganz kurze Fragen: Hamburg oder Berlin?

Ich bin gebürtiger Emsländer und kenne und schätze Hamburg und Berlin.

Provokation oder Versöhnung?

Es gibt gute Künstler, die gar nicht anders können als zu provozieren. Ich gehöre nicht dazu.

Interpretation oder Assoziation?

Assoziation lässt Dinge offener und in meinem Sinne realistischer erscheinen.

Brief oder E-Mail?

E-Mail mit Menetekel-Botschaft.

Vielen Dank und viel Erfolg bei Ihrer Kunstausstellung!

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