Weltfrauentag - Sabine Büscher - Schneider - Schneider GmbH & Co. KG - Geschäftsführung - Frauen in Führungspositionen - Gleichberechtigung - Emanzipation

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Interview | „Wir schaffen die Quote auch ohne Quote.“

Veröffentlicht am 8. März 2019

Der Weltfrauentag am 8. März ist keine Erfindung der Neuzeit: Er entstand schon 1910, als Frauen begannen, um Gleichberechtigung und um ihr Wahlrecht zu kämpfen. Danach konnten die Frauenbewegungen des vergangenen Jahrhunderts nach und nach kleine und große Siege erringen. Denn vieles in Sachen Gleichberechtigung war auch in Deutschland lange nicht selbstverständlich: Erst seit 1962 dürfen Frauen bei uns ohne die Zustimmung ihres Ehemanns ein Bankkonto eröffnen. Und noch bis 1977 durfte eine verheiratete Frau nur dann arbeiten, wenn ihr Mann auch damit einverstanden war.

Ein guter Moment, um Schneider Geschäftsführerin Sabine Büscher zu fragen, wie sie das Thema im Arbeitskontext und im Unternehmen sieht – und was das für sie persönlich bedeutet.

Bei Schneider steht es 2:1 in der operativen Geschäftsleitung. Zwei Frauen und ein Mann teilen sich bei euch die Zuständigkeiten. Vorbildlich?

Wie man es nimmt – ich denke, bei uns macht jeder das, was er am besten kann, das hat sich einfach so ergeben. Scarlett Behrens ist zuständig für IT, Logistik und Customer Service, Berthold Feiertag für Einkauf, Import und Qualitätsmanagement, ich selbst für Marketing und Geschäftsleitung … Wir ergänzen uns, fachlich und auch menschlich. Auch in den weiteren Teamführungsrollen liegen wir etwa bei 50:50.

Braucht Schneider also keine Frauenquote?

Tatsächlich brauchen wir die nicht. Bei uns arbeiten sehr viele Frauen (60% Frauen, 40% Männer) – wir schaffen die Quote auch ohne Quote. Ich bin allerdings nicht grundsätzlich dagegen: Es gibt Bereiche, da geht es nicht anders, wenn wir die Gleichberechtigung erreichen wollen. Ohne Frauenquote stoßen wir in manchen Unternehmen und Branchen an eine gläserne Decke.

Frauen in Führungspositionen sind auch heute noch rar. Woran liegt das?

Da gibt es ja verschiedene Gründe … Meiner Meinung nach liegt es oft auch an den Frauen selbst, und das sage ich nicht wertend: Ich denke, dass viele Frauen nicht – oder noch nicht – bereit sind, loszulassen. Also z.B. die Zuständigkeit für Kind und Haushalt auch mal an den Mann abzutreten. Da ist das alte Rollenverständnis zum Teil noch sehr fest verankert. Natürlich müssen auch die Männer dran arbeiten, sich darauf einzulassen: Von der Rolle des Ernährers in die des gleichberechtigten Partners zu wechseln, das fällt selbst heute noch manchen schwer.

Auf der anderen Seite gibt es auch ganz faktische Gründe. Steuerlich werden wir nicht unterstützt – wenn in einer Ehe beide Partner Vollzeit arbeiten, wird das eher bestraft. Finanziell ist die Hausfrauenehe immer noch das Modell mit den offensichtlichen Vorteilen, und das fördert gerade Frauenkarrieren nicht. In anderen Ländern ist man da schon ein ganzes Stück weiter.

Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist immer noch ein Riesenthema – und oft der Punkt, an dem Karrieren scheitern. Wie war oder ist das bei dir?

Tatsächlich bin ich in der glücklichen Situation, einen „emanzipierten“ Mann an meiner Seite zu haben, sonst würde es gar nicht klappen. Wir arbeiten beide viel und sind darauf angewiesen, die Betreuung unserer Tochter (8) so zu regeln, dass keiner zu kurz kommt: Wir teilen alles, was anfällt, haben gleiche Rechte, aber auch gleiche Pflichten. Manchmal ist das ein Kraftakt, aber in erster Linie ist es eben eine Frage der Organisation.

Ist so etwas heute einfacher geworden?

Ja und nein. Es erfordert immer noch viel Disziplin von beiden Seiten. Aber ich habe das Gefühl, da ist schon viel in unseren Köpfen angekommen: Männer haben eben auch verstanden, dass es nicht „unmännlich“ ist, ihren Teil der Verantwortung zu übernehmen. Auch bei Schneider gibt’s ja viele Männer, die zuhause bleiben, wenn das Kind krank ist. Oder die ganz selbstverständlich in Elternzeit gehen (und zwar nicht nur die 2 Monate). Das ist etwas, was sich in den letzten 10, 20 Jahren so entwickelt hat, und das finde ich einfach großartig.

Welche Rolle spielen Smartphone & Co. bei der Organisation?

Die modernen Technologien spielen uns in die Hände, das ist klar: Ich kann heute mehr Angelegenheiten remote regeln und muss nicht mehr am Schreibtisch sitzen. Eine E-Mail kann ich auch von zuhause aus beantworten, und wenn es mal nicht anders geht, findet eine Telefonkonferenz für mich eben auch mal im Auto statt. Man wird ganz automatisch effizienter! Die Zeiten, in denen es darauf ankam, abends möglichst lange im Office zu bleiben – nach dem Motto: Schaut mal, wie viel ich arbeite! Und was ich als Frau so schaffe! – die sind glücklicherweise vorbei.

Was können Männer im Beruf von uns Frauen lernen? Was können wir von den Männern lernen?

Was Männer von Frauen lernen können? Da wäre es interessant, mal einen Mann zu fragen. Schon, um nicht in Klischees von „Frauen sind empathischer“ usw. abzugleiten: Es geht ja überall in erster Linie um Menschen, und die sind sehr verschieden. Was wir von Männern lernen können – mir fällt da spontan das Stichwort „Netzwerken“ ein. Da müssen wir Frauen aufholen, eindeutig. Männer sind vielfach sehr erfolgreich darin, sich berufliche Netzwerke aufzubauen und sie auch zu nutzen. Von Frauen höre ich häufig, dass sie ja wollen, aber keine Zeit dafür haben – und das, obwohl uns klar ist, dass Verbindungen uns nicht nur im Privaten weiterbringen können. Spezielle Frauennetzwerke sind da ein unterstützenswerter Ansatz, aber generell wäre es auch toll, wenn das alles auch ganz unabhängig vom Geschlecht klappt.

Gibt es für dich typisch „weibliche“ Verhaltensweisen im Job?

Wie gesagt, ich möchte da nicht in Klischees abrutschen, das ist ja alles sehr individuell. Trotzdem denke ich, es gibt so diese Tendenz bei Frauen, gefallen zu wollen: bloß nicht anecken, möglichst von allen gemocht werden, Harmonie auf allen Ebenen. Nichts gegen Harmonie, aber natürlich geht das leicht auf Kosten der Karriere. Wer dagegen nach Macht und Status strebt – und das sind eben vielfach eher Männer – erreicht das nicht, indem er versucht, allen zu gefallen. Bei Frauen beobachte ich häufig so eine Hemmung, sich auch mal unbeliebt zu machen. Dabei können klare Ansagen oft schneller zum Ziel führen – auch wenn sie negativ sind, ist das oft besser als so ein „Rumeiern“.

Sind Frauen die besseren Chefs?

Nein. Ich hatte gute und schlechte Vorgesetzte aus beiden Abteilungen.

Gab es einen Moment in deinem Berufsleben, in dem du bedauert hast, eine Frau zu sein?

Nein. Nie.

Was wolltest du werden, als du ein Kind warst?

In der zweiten Klasse sollten wir ein Bild malen, das zeigt, wie wir uns als Erwachsene sehen. Ich malte mich in einem hübschen Haus mit Kindern und Schürze, ein typisches Rollenbild einer Frau … Meine Mutter war entsetzt! (lacht) Meine Eltern haben nämlich – auch aus heutiger Sicht – schon immer sehr gleichberechtigt gelebt. Meine Mutter war vor der Geburt ihrer 3 Kinder beruflich sehr erfolgreich. Mit uns Kindern hatte sie damals leider nicht die Möglichkeiten, die wir heute haben, Kinder und Job unter einen Hut zu bringen. (Und der Kindergarten hatte nur bis 12 geöffnet.) Meine Eltern waren immer ein tolles Team und teilten sich die Verantwortung in jeglicher Hinsicht. Mein Vater z.B. schmierte uns jeden Morgen die Schulbrote.

Was würdest du heute deiner Tochter mit auf den beruflichen Weg geben?

Sie soll wissen, wie wichtig (finanzielle) Unabhängigkeit ist. Eine entsprechende Ausbildung gehört einfach dazu, das gibt ihr Freiheit. Aber am wichtigsten ist, ihr zu vermitteln, dass Sie keine Angst haben soll, immer an sich selbst zu glauben und sich zu vertrauen, dann findet sie auch ihren Weg. Sie hat ja schon große Pläne: Im Moment schwankt sie zwischen einer Zukunft als Astronautin oder Eisverkäuferin.

Hast du weibliche Vorbilder?

Wenn ich jetzt sagen würde, meine Mutter – das klänge schon sehr klischeehaft, oder? Stimmt aber.
Sheryl Sandberg finde ich aber auch in vielen Dingen bewundernswert. Es gibt so viele Frauen, die Großartiges auf den Weg gebracht haben. Ich lese abends mit meiner Tochter gerade öfters in dem Buch „Good Night Stories for Rebel Girls“. Darin geht es um Frauen, die für uns mutige Vorreiterinnen waren – Frauen, die gegen Ungerechtigkeit aufgestanden sind, Entdeckerinnen, Aktivistinnen, Herrscherinnen … Das sind so Geschichten, die Mädchen Mut machen und stärken können. Absolut empfehlenswert übrigens, auch für Erwachsene.

Was bedeutet für dich Emanzipation?

Emanzipation, das ist für mich Freiheit. In dem, was man tut, im Verfolgen und Bewahren der eigenen Ziele, unabhängig davon, ob ich eine Frau bin oder ein Mann. Sich nicht für seine Entscheidung rechtfertigen müssen – egal, in welche Richtung man gehen möchte. Die eigene Meinung offen und angstfrei zu vertreten, das ist Emanzipation. In vielen Länder der Welt sind wir von dieser Freiheit leider noch weit entfernt. Manchmal ist es gut, sich das bewusst zu machen. Zum Beispiel am Weltfrauentag.

Interview: Antje Jonas

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