Schnell noch raus mit dem Budget! Wenn das Dezemberfieber grassiert.

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Schnell noch raus mit dem Budget! Wenn das Dezemberfieber ausbricht.

Veröffentlicht am 7. Dezember 2018

Erstaunlich ist es schon: Da wird das ganze Jahr über gegeizt und kalkuliert und gestrichen und gezählt – und dann zum Jahresende zeigt sich der Controller plötzlich überraschend freigiebig. Schwupps, sind 70 neue Bürostühle bestellt. Ein klarer Fall von Dezemberfieber …

Zugegeben, eigentlich war ein Artikel über „Hamsterkäufe“ geplant. Der Name sagt es schon – kaufen und hamstern, als gäb’s kein Morgen mehr! Aber rufen wir uns doch mal die letzten großen Hamsterkäufe in Erinnerung: Ganze Glühbirnen-Lager zum Beispiel wurden von panischen Verbrauchern leergekauft, als bekannt wurde, dass die klassische Birne bald durch LEDs ersetzt würde. Oder der Brexit: Britische Unternehmen hamstern schon länger wichtige Importwaren für ihre Produktion – aus Angst vor hohen Zöllen und unkalkulierbaren Lieferschwierigkeiten. Übertrieben oder nicht: Was die Käufer antreibt, ist die berechtigte Sorge vor der drohenden Verknappung.

Hamstern bis an die Budgetgrenzen

Merken Sie was? Genau: Die neuen Bürostühle werden gar nicht knapp. Das Modell gibt’s auch im Januar noch, und das möglicherweise sogar günstiger, von wegen Vorjahresmodell. Was daran liegt, dass es gar nicht um die Bürostühle geht, zumindest nicht in erster Linie.
Stattdessen geht es darum, noch kurz vor dem Ziel das Jahresbudget auszureizen, und genaugenommen ist das natürlich kein Hamstern: „Dezemberfieber“ nennt man das hierzulande. Einzelne erwischt es sogar schon im November – die haben dann die Gelegenheit, sich in Ruhe bis zum Jahresende auszukurieren.

Für alle, die’s genau wissen wollen – das „Dezemberfieber“ in Kürze:

Infektion.
Liegt meist länger zurück und geschieht typischerweise durch die jährliche Finanzplanung: Spielräume für einzelne Abteilungen werden definiert und umgrenzt, den Bereichsverantwortlichen ihre Fixsummen zugeteilt. In der Wirtschaft spricht man vom Budget, beim Staat vom Haushalt. Die Angst vor einer Unterschreitung der bewilligten Ausgaben beschleunigt den Krankheitsverlauf dramatisch: In immer kürzeren Abständen treibt die Aussicht auf Kürzungen in der nächsten Planungsperiode den Verantwortlichen den Fieberschweiß auf die Stirn.

Erste Symptome.
Im Marketing und Controlling wird man unruhig. Der übliche Sparkurs beginnt zu schwanken, Kataloge und Webseiten mit Büroausstattung, Schreib- und Werbeartikeln nehmen immer mehr Raum ein. In unterschiedlichen Zusammenhängen kommen Themen wie Fortbildung und Wochenendseminar auf. Um- und Anbauten werden unerwartet vorterminiert.

Ausbruch.
Spätestens zum 1.12. können Betroffene das Dezemberfieber nicht mehr verleugnen. Zu stark ist der Leidensdruck, das Jahresbudget bis an die Grenze auszureizen – die Angst vor künftigen Kürzungen hat sich bis tief ins Mark gefressen. Jetzt gilt es, alles auszuschwitzen, was belastet: Es wird bestellt, gekauft und angeschafft, als stünde der dritte Weltkrieg bevor. Besonders interessant: Nach Erreichen der Budgetgrenze verschwinden die Belastungssymptome oft schlagartig.

Design- und Bildungs-Updates sind eine Bank.

Ist das Budget nun mal fix, ist der Verlauf vorprogrammiert – und investieren die einzige Medizin. Was sich dabei lohnt, variiert natürlich. Man muss aber kein Business-Profi sein, um zu wissen, welche Anschaffungen Sinn machen: Alles, was im Büro verbraucht oder regelmäßig an Kunden herausgegeben wird – z. B. Schreibmaterial, aber auch Werbeartikel mit Firmenaufdruck – ist nicht falsch, kostet häufig aber noch nicht genug. Mobiliar bringt da schon mehr! Im November lohnt deshalb ein kritischer Blick in die Arbeits- und Geschäftsräume: Sind die alten Schreibtischstühle den Rückenschmerz-geplagten Kollegen wirklich noch zumutbar? Brauchen wir bald mehr Regale fürs Lager? Wollten wir den Kunden-Bereich nicht sowieso mit ein paar coolen Lounge-Möbeln aufpolieren?

Mitarbeiter- und Kunden-Geschenke gehen immer, sofern man hier die steuerlichen Regelungen berücksichtigt. Auch Fortbildungskosten können sich langfristig für alle Beteiligten auszahlen – hier sollte rechtzeitig gemeinsam überlegt werden, was Sinn macht. (Unbedingt das Kleingedruckte zu Tausch- und Rücktrittsbedingungen lesen!)

Achtung, Verfallsdatum!

Überstürzte Hamsterkäufe können nach hinten losgehen. Vor der Bestellung gilt es daher, sich zu vergewissern, dass wir auch nachhaltig und sinnvoll investieren. Zum Beispiel, indem wir uns rechtzeitig fragen:

• Bleibt unser Logo? Gebrandete Werbeartikel sind eine feine Sache. Stapelweise Shirts mit Firmenlogo zu bedrucken, wenn im kommenden Jahr ein komplettes Redesign inklusive Logo-Erneuerung ansteht, führt allerdings nur zu vollen Kellerlagern.

• Bleiben die Kollegen? Kartonweise Visitenkarten für Mitarbeiter, die wenig später die Firma wieder verlassen? Ein klassischer Fall von Fehlinvestition. Hier ist weniger tatsächlich mehr.

• Bleibt der Trend? Bei Dekoartikeln ist Vorsicht geboten: Ausgefallenes sieht man sich eben auch schnell über! Auf Vielfalt zu setzen ist oft besser als in rauen Mengen zu bestellen. Das gilt übrigens auch für besonders trendige technische Spielereien.

• Bleibt das Jahr so neu wie heute? Ja, Kalender sind ein Muss für alle Dezember-Besteller. Bevor wir uns aber von den aktuellen Schnäppchenpreisen mitreißen lassen, sollten wir kurz überschlagen, wie viele wir wirklich brauchen. Spätestens ab Februar taugen die Übriggebliebenen nämlich höchstens noch fürs Osterfeuer.

Je weniger Eigenverantwortung, desto höher das Infektionsrisiko.

Das Dezemberfieber trifft vor allem Behörden, die mit starren Budgetverordnungen von oben operieren müssen, häufig aber auch große Unternehmen. Warum das so ist? Frank Schröder konstatiert dazu im „Betriebsausgabe“-Magazin: Je weniger Entscheidungsgewalt im Betrieb selbst liegt, desto wahrscheinlicher sind unsinnige Budgetentscheidungen. Und zwar „ (…) umso mehr, je größer die organisatorische und menschliche Distanz zwischen Führungsebene und ausführender Ebene ist.“ Einen Lösungsvorschlag hat Herr Schröder übrigens auch: Verkürzt gesagt geht es ihm darum, von der sowjetischen Planwirtschaft zu lernen. Aber bis dahin ist es noch ein weiter Weg – und der neue Bürostuhl im Prinzip ja keine schlechte Sache.

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