Und im Kühlschrank das echte Leben – wenn der Kühlschrank zu Leben beginnt

Frau Mustermann bloggt

Und im Kühlschrank das echte Leben

Veröffentlicht am 17. September 2018

Wenn das, was einmal Gouda war, in einer Horror-Version von Rapunzel sein Haar
herunterlässt, die offene Packung Fleischwurst eine Farbe offenbart, für die es nie ein Wort geben wird und die Tupperdose unten rechts schon länger da ist als der Geschäftsführer …

… ist es sehr wahrscheinlich, dass Sie vor einem Bürokühlschrank stehen! Der ist und bleibt ein Faszinosum der Arbeitswelt. Ein Büro-, Abteilungs- oder Teamkühlschrank könnte natürlich einfach nur sicher und sauber alles aufbewahren, was die Kollegen so durch den Tag bringt. Könnte! Dieser Mikrokosmos aber kann mehr. Vor allem kann er einiges erzählen – über die Firma im Speziellen und den Menschen allgemein.

Umbrüche hinterlassen Spuren. Und manchmal auch Sporen.

Sie möchten in Ihrer ersten Woche beim neuen Arbeitgeber einen guten Eindruck machen? Wollen Kollegialität beweisen, indem Sie beherzt die Ärmel aufkrempeln, Handschuhe und Mundschutz anlegen und tief in das Grauen auf Vorrat eintauchen, um heldenhaft den Kühli aufzuräumen? Möglicherweise entdecken Sie dann eine seltsame Übereinstimmung beim Blick aufs MHD: Die olle Fischkonserve, die mumifizierte Leberwurst, der wildwuchernde Camembert – alles gleichzeitig abgelaufen, und zwar vor genau drei Monaten. Wie das sein kann? Fragen Sie den Kollegen Ihres Vertrauens nach einer plötzlichen Kündigungswelle. Und gehen Sie einfach mal davon aus, dass Sie der Ihren Job verdanken …

Hier zeigt sich das Große im Kleinen: das „Allmende-Drama“ …

Die Analyse mittelalterlicher Dorfgemeinschaften ließ den Ökologen Garrett Hardin seine Theorie von der „Tragik der Allmende“ entwickeln und in diverse Lebensbereiche übertragen: In vielen Orten gab es Flächen und Weiden, die keinem gehörten und die jeder nutzen durfte. Das führte regelmäßig dazu, dass die einzelnen Viehbesitzer ihre Tiere dort so lange wie möglich weiden und damit umsonst fressen ließen. Für die Pflege der Weide fühlte sich aber niemand zuständig, weswegen sie regelmäßig verödete und niemandem mehr nutzte.

Will sagen: Man nimmt, was man kriegen kann. Wenn’s schon mal da ist! Und verteilt zum Beispiel morgens direkt seine eingetupperten Hauptmahlzeiten für die nächsten drei Tage nebst Vorspeise und Dessert im fast noch leeren 20-Personen-Kühlschrank. Oder lässt das schlaffe Käsebrot einfach drin liegen – schmeckt eh nicht mehr, irgendeiner wird’s schon wegwerfen.

… und der „Broken-Window-Effekt“. Übersetzt: Jetzt ist sowieso alles egal.

Der „Broken-Window-Effekt“ wiederum erklärt, warum die Bürokühlschränke – im Gegensatz zu den privaten – so oft zum Gruselbiotop werden. Die Theorie: Ist bei leerstehenden Häusern und Fabrikgebäuden erstmal eine Scheibe eingeworfen, fallen alle Hemmungen, nochmal ordentlich nachzulegen. Ist ja eh schon kaputt! Und Müll kann man eigentlich auch gleich hinterherschmeißen …
Oder eben sein Mittagessen mit einer Extra-Folienschicht schützen und in den Chaos-Kühlschrank stopfen.

Aber Achtung: Chaos steckt an und breitet sich aus!

Wenn der Kühlschrank schon siffig herumsteht, muss man eigentlich auch die Kaffeebecher nicht mehr in die Spülmaschine stellen. Oder die Brötchen von letzter Woche entsorgen. Und könnte ja auch in Jogginghose ins Büro …

Jetzt aber erstmal Tür zu beim Kühlschrank (Sind Sie sicher, dass das Licht dann nicht heimlich wieder angeht …?)

Herzlichst, Ihre
Frau Mustermann

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