Vielseitig, treu, maßlos unterschätzt – eine Liebeserklärung an den Kugelschreiber.

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Vielseitig, treu, maßlos unterschätzt – eine Liebeserklärung an den Kugelschreiber.

Veröffentlicht am 25. Januar 2019

Er wird mitgenommen und weitergegeben, verschenkt und vergessen, weggeworfen und wiedergefunden. Er ist stiller Partner im Alltag und Zeitzeuge skurriler Werbeslogans. Er gibt sich weniger edel als der Füllfederhalter und unflexibler als der Bleistift – und dennoch: Der „Kuli“ ist begehrt und verbreitet wie kaum ein anderes Schreibgerät.

Höchste Zeit, dem unterschätzten Alltagsbegleiter mehr als nur einen flüchtigen Gedanken zu widmen! Denn schon seine Historie ist eine spannende Angelegenheit.

Besonderes Kennzeichen: Minenspitze mit rollender Farbkugel.

Ein Schreibgerät, das seine eigene Tinte mitführt und nicht wie der Federhalter stets neu befüllt (oder auch ins Tintenfass getunkt) werden muss – diese Idee gab es immer mal wieder. Schon Galileo Galilei soll Skizzen angefertigt haben, die eine Art Vorläufer unseres Kulis zeigen. Die Grundform des heutigen Kugelschreibers erschien allerdings erst später: Gemeinsam mit seinem Bruder entwickelte der ungarische Erfinder Bíró 1938 einen revolutionären Stift, der Tintenpaste über eine rollende Kugel aufs Papier brachte.

Historisches Highlight: Der Kuli funktioniert wie ein Deo-Roller.

Tatsächlich hat der Kugelschreiber mehr mit einem Deo-Roller gemein als mit einem Bleistift: Die Tinte, die sich in der Röhre über der Kugel befindet, trocknet erst, wenn sie auf das Papier übertragen wird. Ein Prinzip, das Bíró über Jahre weiterentwickelte.

Der große Durchbruch gelang, als der britische Geschäftsmann Henry George Martin den Wert des Kugelschreibers für Flugzeugbesatzungen erkannte: Er funktioniert nämlich auch in großer Höhe, ohne zu klecksen. Martin kaufte die Patentrechte und startete die Serienproduktion – die Royal Air Force profitierte. 1945 wurde der Kugelschreiber in den USA nachgebaut und sofort zum Verkaufsschlager!

Zum Massenprodukt wurde er jedoch erst, als der Franzose Marcel Bich das lästige Problem des Klecksens in den Griff bekam. Ende 1950 brachte er einen Kugelschreiber unter dem Namen BIC auf den Markt – und der Siegeszug des Kulis war nicht mehr aufzuhalten.

Sein Job: Botschafter und Werbeträger Nummer eins.

Wann wer zum ersten Mal feststellte, wie wunderbar sich auf einem Kuli Firmenschriftzüge und Werbebotschaften platzieren lassen, ist nicht mehr feststellbar. Sicher ist nur: Der unscheinbare Stift mauserte sich schnell zum Werbeträger der ersten Stunde! Auf ihm toben sie sich heute alle aus – die großen Unternehmen, aber auch die kleinen Handwerksbetriebe, deren Budget keine große Werbekampagne erlaubt. Die Startups, die mit kreativem Motto die Welt inspirieren wollen. Die Agenturen, die ihren Kunden zumindest beim Kritzeln im Gedächtnis bleiben wollen … Ihre Namen und Botschaften hat der Kugelschreiber in unseren Alltag gemogelt, ob wir nun wollen oder nicht.

Keinen behandeln wir so schlecht wie ihn.

Schon seine Historie wäre Grund genug für ein bisschen Respekt vor dem Kugelschreiber. Aber Respekt sieht anders aus: Wir behandeln ihn nämlich nicht wirklich gut! Wir nehmen ihn auseinander und schrauben ihn wieder zusammen. Wir verbiegen und zerknicken, zerbrechen und zerstören ihn. In langweiligen Meetings, endlosen Schulstunden, zermürbenden Telefonaten und manchmal auch einfach so, beim Rumsitzen. Wir tun ihm Dinge an, die wir unserem schlimmsten Feind nicht wünschen (und die zum Beispiel seinem Kollegen, dem Füller, erspart bleiben). Das sieht nicht gut aus, und es fühlt sich manchmal auch gar nicht gut an … Aber ist das nicht auch eine Art, sich mit ihm zu beschäftigen?

Wir lassen ihn mitgehen. Oder lassen ihn liegen.

Natürlich gibt es diese schicken Exemplare, die einem ans Herz wachsen können – Kugelschreiber aus Wurzelholz, versilberte und vergoldete Kugelschreiber und solche mit wilden Extras wie eingebauter Taschenlampe oder USB-Stick. Viel verbreiteter aber sind die Klassiker. Die in der schlichten Kunststoffhülle, oben zum Klicken, an der Seite mit diesem Teil, das sich so schön abgnibbeln und verbiegen lässt. Sie sind die, die von Hand zu Hand gehen, und die uns je nach Bedarf und Gelegenheit zum Opfer oder Täter machen: Denn egal, wie grundehrlich wir uns sonst so geben – wir haben kein Problem, uns Kulis aller Art unter den Nagel zu reißen. Wer sie liegenlässt, hat schon verloren.

Heute im Vorstandsmeeting, morgen auf der Parkbank.

Unser Umgang mit ihm bringt es mit sich, dass der Kugelschreiber ein echtes Vagabundendasein führt, und so mancher Kuli wechselt seinen Besitzer öfter als ein Füller seine Tintenpatrone. Liegengelassen auf dem Konferenztisch, wird er vom nächsten Workshop-Teilnehmer kommentarlos eingesteckt oder vom Putzpersonal ins Allgemeingut überführt. Immer wieder wird er ganz nebenbei weitergereicht und großzügig neuen Nutzern überlassen. Ihn zurückgeben? Das käme niemandem ernsthaft in den Sinn.

Aber mal mit etwas Abstand betrachtet: Ist der Kuli damit nicht zeitgemäßer und moderner unterwegs als all seine edlen Verwandten? Das Teilen und Tauschen nämlich liegt in Zeiten von Leihradstationen und car2go, Kleiderkreisel und Foodsharing hundertprozentig im Trend. Der Kugelschreiber macht’s vor – und wir alle machen mit.

Lieber Kuli, du bist voll auf der Höhe der Zeit!

Fest steht: Der Kuli ist Gemeinschaftsbesitz, und das war er schon lange vor der ersten Carsharing-Idee. Er verweigert sich dem eindimensionalen Besitzdenken – und gehört damit zu den ersten Sharing-Produkten unserer Zeit. Er hat die Entwicklung vorweggenommen, ganz ohne Attitüde und auf eine selbstverständliche, unaufgeregte Art, die wir nur bewundern können. Das soll ihm mal einer nachmachen.

Zu Unseren geliebten Kugelschreiber >

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