Wenn die Kollegen zusammenrücken: Leben und Leiden im Großraumbüro.

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Wenn die Kollegen zusammenrücken: Leben und Leiden im Großraumbüro.

Veröffentlicht am 10. Mai 2019

Die Kaffeemaschine röchelt. Links schmücken Praktikanten einen Geburtstagstisch mit Girlanden und Schokoküssen, rechts fiept das Telefon, gegenüber diskutiert man lautstark über das gestrige Konzert. Schnaufend nähert sich von hinten der Mops der neuen Kollegin. Ein Fenster fliegt krachend zu: Es ist neun Uhr morgens im Großraumbüro.

Wer glaubt, das Großraumbüro sei eine Erfindung der großen Tech-Unternehmen wie Google oder Microsoft, irrt: Schon in den 50er Jahren feierte man das Konzept als clevere Lösung für Unternehmer, die ihre Angestellten gern im Blick behalten wollten. Statt Open-Space-Office hieß das „Bürolandschaft“ – ein großer Raum mit vielen Menschen, unterteilt durch halbhohe Regale und Zimmerpflanzen. In amerikanischen Filmen der Zeit teilten sich emsige Redakteure ein lärmendes Office, separiert in winzige Kabuffs mit Tisch, Telefon und Schreibmaschine: ein Setting, das im Film sicherlich romantischer wirkt als im realen Leben.

Platz für große Ambitionen: Open Space statt Einzelbüro.

Heute setzen selbst traditionelle deutsche Unternehmen auf das Großraumbüro. Offene Flächen, Transparenz und Glas dominieren, und immer mehr Konzerne orientieren sich bei der Gestaltung ihrer Arbeitsräume am Vorbild Google. Demokratischer wird’s auch: Das Einzelbüro gilt nicht mehr per se als Statussymbol, die Chefetage ist – zumindest baulich gesehen – auf dem Rückzug. Im Gegensatz zu den Bürolandschaften der 50er wird der Großraum jetzt differenzierter geplant: Bereiche für Rückzug und konzentrierte Arbeit werden einkalkuliert, und der Wohlfühl-Faktor zählt zu den wichtigsten Argumenten für oder gegen einen Arbeitgeber.

Von heute auf morgen geht das natürlich nicht mit den Wellness-Working-Spaces à la Google. Nicht jedes mittelständische Unternehmen hat schließlich die Möglichkeiten (oder sieht die Notwendigkeit), sein Raumkonzept für die Angestellten zu optimieren. Sprich, das Großraumbüro ist allzu häufig das, was sein Name sagt: Ein großer Raum als Büro für alle.

Kreatives Arbeiten, kreativer Austausch und die fehlende Mitte.

Kreatives Arbeiten erfordert Konzentration, sagen die einen. Kreatives Arbeiten braucht lebendigen Austausch, argumentieren die anderen. Beides ist richtig – aber so richtig zusammen geht das eben nicht. Oder doch – ? Sind alle im Großraum mit Aufgaben beschäftigt, die sich irgendwie „abarbeiten“ lassen, kann das durchaus klappen. Mischt man allerdings Kreativarbeiter und hektisch telefonierende Berater zusammen, ist Stress vorprogrammiert: Ruhe ist für die geistige Arbeit eben genauso unverzichtbar wie Inspiration durch Austausch. Die goldene Mitte? Gibt es in diesem Fall nicht. In einer idealen Welt bekommen wir beides, wann immer es nötig ist. Im Großraumbüro haben wir leider oft keine Wahl.

Wie tröstlich: Das Dilemma ist längst erkannt, die „Denkzellen“ moderner Co-Working Spaces, separate Kreativräume und Home-Office-Optionen zeigen es. Lösungswege sind also da – man muss sie nur gehen.

Tauscht euch aus!

Interessant ist dabei, dass der Wunsch nach kreativem Austausch häufig weniger stark ausgeprägt scheint als der des Arbeitgebers, die Angestellten durch das Konzept des „Open Space“ zu diesem Austausch zu bewegen – das zumindest legt eine groß angelegte Studie von Oxford Economics nahe: „The ability to focus and work without interruptions“ stand bei den befragten Arbeitnehmern auf Platz Eins der Wunschliste fürs optimale Arbeitsumfeld. Befragt nach den wichtigsten Gesichtspunkten für ihre Office-Gestaltung, nannten Arbeitgeber dagegen an erster Stelle den wechselseitigen Austausch: „Allow and encourage employees to interact with each other often.“ Hier scheint es Klärungsbedarf zu geben.

Ständiger Lärmpegel: 60 bis 70 Dezibel.

In fast jedem Großraumbüro gibt es eine Stimme, die sich unweigerlich in die Gehörgänge bohrt: durchdringend, penetrant, nervenzerfetzend. Und einen, der ständig halblaut vor sich hinredet. Und dann dieses plötzliche schrille Lachen aus der Grafikabteilung … Messungen zufolge liegt die durchschnittliche Lärmbelastung in solchen Büros bei 60 bis 70 Dezibel. Dass sowas stressen und die Leistungsfähigkeit herabsetzen kann, haben Studien schon vielfach belegt. Überraschendes förderte dagegen 2013 eine Studie der Universität Chicago zutage: **Hintergrundlärm kann nämlich der Kreativität auch auf die Sprünge helfen – wenn er nicht überhand nimmt. **

Macht Großraum krank?

Nicht nur der Lärmpegel gilt als Gesundheitsrisiko – für Kritiker ist das Großraumbüro eine Wellness-Oase für Viren und Bakterien aller Art. Und sie haben Recht: Eine Schweizer Studie wies nach, dass sich Arbeitnehmer im Großraum deutlich öfter krank melden als solche, die in Einzelbüros arbeiten. Kein Wunder, schließlich können sich Viren ungehemmt ausbreiten. Nicht nur durch die Luft, sondern auch durch den ständigen kollegialen Austausch von Tacker, Tastatur, Kuli & Co. … Auf eine Art ist es eben wie in der S-Bahn. Dazu kommt die Zugluft, und die ist nicht nur ungesund, sondern auch ein Thema, das schon viele Kollegen für immer entzweit hat.

Andererseits: Der eine oder andere kennt vielleicht auch diese 2er-Büros, deren stickiger Mief jedem Besucher höchste Beherrschung abverlangt. Ein Mikrokosmos, in dem sich Schweiß, Essensgerüche und mangelnder Sauerstoff unheilvoll mischen – auch das kann nicht gesund sein!

Wenn alle Bescheid wissen: Die Privatsphäre.

Wer im Großraumbüro arbeitet, weiß mehr über seine Kollegen. Manchmal mehr, als er je wissen wollte! Umgekehrt gilt das natürlich genauso: Die anderen wissen, dass es Ärger mit dem Babysitter gibt, die Toilettenspülung immer noch defekt ist, die Schwiegermutter sich in die Geburtstagsplanung einmischt … Private Telefonate sind in den meisten Betrieben an der Tagesordnung. Ganz zu schweigen von dem, was wir so zufällig auf den Bildschirmen der Kollegen entdecken! Kaum einer schafft es wirklich, sich im sozialen Bürogefüge so ganz bedeckt zu halten, und wenn, dann kann auch das Anlass zu Spekulationen sein.

Arbeit und Privates säuberlich trennen, das ist im Großraum eben noch ein bisschen schwieriger. Wer vermeiden möchte, dass seine privaten Telefonate von allen mitgehört werden, hat aber – Smartphone sei Dank! – alle Möglichkeiten: Er kann zum Beispiel zum Telefonieren nach draußen gehen (und vermeidet damit, ganz nebenbei, das lange Sitzen in ungesunder Haltung). Er kann private Telefonate konsequent auf Pause und Feierabend verlegen – alles eine Frage der Organisation. Er kann dringende Privatangelegenheiten aber auch ganz still per Mail klären, das ist dann höchstens eine Frage des Arbeitsrechts. Dass wir im Großraum trotzdem einer gewissen sozialen Kontrolle unterliegen, ist allerdings nicht zu vermeiden. Aber hat das nicht auch etwas Tröstliches?

RUHE! Wie der Großraum für alle gangbar wird.

Ein bisschen Ruhe, ein bisschen Frieden – mit etwas gutem Willen geht das auch im Großraumbüro. Zum Beispiel mit …

Home-Office-Optionen: Die werden zum Glück immer selbstverständlicher. Hier kommt’s auf den Job an und darauf, wie gut man selbstorganisiert arbeiten kann.

flexiblen Arbeitszeiten: Wer Ruhe zum Arbeiten braucht, nutzt Zeiten wie frühmorgens oder mittags, wenn es leerer ist.

Rückzugsorten: Die gibt es in jedem Unternehmen – sich zum Nachdenken oder mit dem Laptop in einen freien Meetingraum zurückzuziehen, macht Sinn.

Kopfhörern: Für alle, die sich von Musik eher motivieren als ablenken lassen. Zum einen ist das gut zum Abschotten, zum anderen demonstriert der Kopfhörer, dass man nicht gestört werden möchte.

Absprachen: Wenn es wirklich zu unruhig ist, helfen Absprachen mit den Kollegen, zum Beispiel zu vereinbarten „Ruhezeiten“.

der Sitzordnung: Kennen Sie das noch aus der Schule? Wenn der Lehrer Ruhe wollte, setzte er beste Freunde und Freundinnen auseinander. Hart, aber wirkungvoll.

Studien dazu:

Is noise always bad? Exploring the Effects of Ambient Noise on Creative Cognition. Studie der Universität Chicago (2013): https://tinyurl.com/y3st8c3u

SBiB-Studie Schweizerische Befragung in Büros. Studie der Hochschule Luzern (2010): https://tinyurl.com/y5d9dgru

Workspace satisfaction: The privacy-communication trade-off in open-plan offices. Australische Studie zur Mitarbeiterbefindlichkeit im Großraumbüro (2013): https://tinyurl.com/ot3wgr6

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